Neuer Mittelpunkt der EU liegt in Hessen
Datum: 01.02.2007
Telefonisches Interview des Hessischen Rundfunks* mit dem Abteilungsleiter Herrn Dr. Ihde vom Bundesamt für Kartographie und Geodäsie in Frankfurt am Main am 5. Januar 2007

Herr Voss:
Wir haben ja schon darüber berichtet, die EU hat seit Jahresbeginn einen neuen Mittelpunkt und zwar hier bei uns in Hessen. Durch den EU-Beitritt von Bulgarien und Rumänien hat sich der geografische Mittelpunkt der Staatengemeinschaft nun in den Main-Kinzig-Kreis verschoben und zwar nach Meerholz – das ist ein Ortsteil von Gelnhausen. Das nationale geografische Institut Frankreichs hat die Berechnungen durchgeführt. Bisher lag der Mittelpunkt im rheinlandpfälzischen Kleinmaischeid – das ist eine Gemeinde im Westerwald. Wie berechnet man eigentlich den geografischen Mittelpunkt der EU. Haben wir uns gedacht, fragen wir doch mal den Experten. Johannes Ihde vom Bundesamt für Kartographie und Geodäsie in Frankfurt ist am Telefon.
Herr Ihde, sie haben ja auch gemessen, zwar jetzt nicht aktuell, aber vor einiger Zeit und da gab es eine Abweichung zu dem Messergebnis der französischen Kollegen, oder?
Herr Ihde:
Das ist richtig. Wir haben im Prinzip die gleiche Methode angewandt, wie unsere französischen Kollegen. Allerdings haben wir nicht die überseeischen Territorien mit einbezogen, sondern uns auf die Inseln im Atlantik, die zu Spanien und zu Portugal gehören, beschränkt.
Herr Voss:
Ich verstehe. Und die Franzosen haben z. B. auch Réunion im Indischen Ozean oder Martinique in der Karibik mit dazu genommen.
Herr Ihde:
Korrekt.
Herr Voss:
Dadurch die Abweichung. Jetzt aktuell, seit dem EU-Beitritt von Rumänien und Bulgarien, haben sie aber gar nicht noch einmal neu berechnet.
Herr Ihde:
Nein, das haben wir nicht getan. Wir können aber in etwa extrapolieren wo nach unseren Berechnungen der Punkt liegen würde. Der würde sich nämlich etwa 120 km südöstlich vom Punkt, den die französischen Kollegen berechnet haben, finden.
Herr Voss:
Je nach Herangehensweise würde sich der geografische Mittelpunkt der EU dann eben auch verschieben. Wie berechnet man so etwas überhaupt? Das stelle ich mir wahnsinnig kompliziert vor. Von dem Kreis oder von dem Viereck aus ist es einfach.
Herr Ihde:
Ja, das ist gar nicht so dumm gedacht. Man kann durchaus von den Extrempunkten der Ausdehnung eines Gebietes ausgehen und wenn man das tut für Europa, dann kommt man auf einen Punkt, der durchaus in der Nähe von exakten Berechnungen liegt, nämlich in der Nähe von Magdeburg.
Wir haben, genauso wie die französischen Kollegen, das Gebiet, die Landgebiete der Mitgliedsländer der Europäischen Union in flächengleiche Stücke geteilt. Die Koordinaten, die wir für diese kennen, gemittelt und sind letztendlich auf den Mittelpunkt gekommen. Aber wie gesagt, der Unterschied ergibt sich nur aus der Einbeziehung der überseeischen Territorien.
Herr Voss:
Ich habe mir überlegt, bevor ich sie angerufen habe, Herr Ihde, man könnte ja auch einfach einen riesengroßen Atlas nehmen und könnte das Gebiet der EU ausschneiden und dann gucken, an welchen Punkt man diese Fläche aufhängen müsste, damit die ganze Fläche im Gleichgewicht hängt. Dieser Punkt wäre dann auch der geografische Mittelpunkt, oder?
Herr Ihde:
Das ist korrekt und das ist genau auch das Grundprinzip, das wir bei unseren exakten Berechnungen anwenden.
Herr Voss:
Nun ist ja deutlich geworden, also die französischen Kollegen haben eine andere Herangehensweise und deswegen auch einen anderen geografischen Mittelpunkt als sie von ihrem Bundesamt. Dürfen sich die Gelnhäuser denn trotzdem freuen?
Herr Ihde:
Ich meine, die Gelnhäuser sollten das feiern. Sie sollten das feiern, so lange wie das möglich ist. Denn mit Sicherheit wird sich der Mittelpunkt der Europäischen Union früher oder später verschieben, nach Osten verschieben, und sollte denn einmal Russland Mitglied der Europäischen Union werden, dann würde der Mittelpunkt der Union nicht mehr in einem derzeitigen Mitgliedsland der Union liegen.
Herr Voss:
Aber bis dahin wird noch viel Wasser den Main und die Kinzig herunter fließen.
Herr Ihde:
Das ist richtig!
* Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Hessischen Rundfunks!







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